Artikel aus dem Grünspecht Nr. 1/2007, S. 3
von Brigitte Redl-Manhartsberger

Sie tragen blaue Matrosenuniformen,
Aber auch die feierlichen weißen.
Das macht sie unverwechselbar,
Und natürlich ihre goldenen Kehlen.
Gerne sehen die Eltern ihre Chorknaben im Fernsehen und in prachtvollen Konzerten in vorderster Reihe stehen:

Die „Wiener Sängerknaben“

Botschafter Österreichs
Als jüngste Botschafter der Republik Österreich und ältester Knabenchor des Abendlandes sind sie vokaler Aufputz großer Staatsakte. Ihre Residenz ist das Palais Augarten. Repräsentative Säle und Salons, üppig aufgerüstet mit Stuck- und Freskokunst der Marke „Kaiserliches Wien“ sind der ideale Rahmen glanzvoller Empfänge internationaler Zelebritäten, von Lady Di bis Dalai Lhama.

Dafür bietet die Republik ihrem Knabenchor immerhin einen beträchtlichen Teil der Augartenanlage exklusiv zur Nutzung. Alle Einrichtungen eines modernen Musikinternats, samt der notwendigen funktionalen- und administrativen Settings für eine globale Tournéetruppe, sowie Kindergarten und Volksschule, finden hier bequem Platz.

Für Unbefugte ist der der Zutritt zu diesem Paradies verboten.
Die Befugnis zur „gated community“ ist klar umrissen. Jeder Sängerknabe wird einmal – und das geht sehr schnell – „ehemaliger Sängerknabe“. Jeder „ehemalige Sängerknabe“ kann Mitglied des 100-stimmigen, gemeinnützigen Vereines der Postmutanten werden. Seit 2008 ist Altknabe Walter Nettig Präsident.

Internatsplätze sind heißbegehrt.
Etwa 250 Kinder genießen zurzeit ihre Ausbildung im Augartenpalais. Allerdings, mit dem monatlichen Schulgeld sind die laufenden Kosten der prestigeträchtigen Adresse nicht abgedeckt. Der größte Teil des Budgets muss von den Buben in den Matrosenanzügen selbst ersungen werden.

300 Konzerte und mindestens eine mehrmonatige Konzerttournee pro Chor, dazu die traditionellen Sonntagsdienste in der „Wiener Hofmusikkapelle“, sind das beachtliche Jahrespensum der stimmbegabten Kinder. Gut dass der Markt mit CDs und DVDs boomt und das „Gold der Kehlen“ evaluiert.
Golden strahlt auch die Limousine des Generalsponsores der Sängerknaben, Peter Pühringer …

„no risk no fun“
Der finanzielle Höhenflug ihres Mäzens aus Dresden, verdankt sich weniger dem alten Sängerknaben-Geist habsburgisch-katholischer Tradition, als dessen spekulativem Geschick im Umgang mit „emerging markets“.
Allzeit getreu seiner Devise: „no risk no fun„.

Seine zweite, „Vergangenheit bewahren und die Zukunft gestalten“ maximiert schöne steuerliche Lichtblicke bei der Stiftung für Forschung und Kultur, im Palais Coburg.

Herausforderung Augartenspitz
An der Renovierung und Modernisierung des Palais Augarten hat sich POK Pühringer schon in diesem Sinne finanziell beteiligt. Die nächste Herausforderung für den milliardenschweren Finanzexperten, folgt sogleich! Die ungenutzte „Brachlage“ des benachbarten Augartenspitzel soll endlich ihrer baulichen Widmung zugeführt werden.

Ein Konzertsaal, mit Shop und Cafeteria, soll das label „boys voice“ kristallisieren und den Bewohnern der umgebenden Viertel, etwas von dem geheimnisvollen Treiben in den für sie gesperrten Teilen des Barockparkes erschließen.
Aber weder die Aussicht auf das – zugegebenermaßen etwas „verstaubte“ – „Wiener Kindertheater“, – noch die Neugierde auf Produktionen des künstlerischen Kinderchorleiters (selbst Altknabe) und Betreiber der privaten „Wirth Music Academie“, haben die Misstöne rund um den Zehn-Millionen-Euro-Kristall verstummen lassen.

Einst lautete die kaiserliche Losung für den Augarten:

Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von Ihrem Schaetzer“

Geschätzt wird jetzt anders.
Den Bewohnern der Leopoldstadt drohen ziemliche Umwege bis sie in den Genuss ihres Erlustigungs-Ortes kommen. Für die nächsten hundert Jahre.

Brigitte Redl-Manhartsberger