Wie auf der Homepage des Josefinischen Erlustigungskomitees und der FreundInnen des Augartens zu lesen ist, haben die Augarten-SchützerInnen einen weiteren Versuch unternommen, mit Bürgermeister Häupl in Kontakt zu treten.
Ein kunstvoll handgeschriebener Brief von Raja Schwahn-Reichmann wurde am 20. August persönlich von den BürgerInneninitiativen im Rathaus zugestellt.
Der gesamte Wortlaut mit Fotos vom Brief: erlustigung.org

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Häupl,
im zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, sollen Teile des historischen Parks Augarten, trotz gültiger Bezirksparlamentsbeschlüsse, verbaut werden. Der Augarten ist neben Schönbrunn und dem Belvederegarten die wichtigste barocke Gartenanlage Österreichs. Er steht seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz im Verfassungsrang. Hier gaben Mozart, Beethoven und Schubert (ohne eigenen Saal!) Konzerte, hier konnte das Wiener Bürgertum ebenso wie später die Arbeiterschaft flanieren, denn schon im Jahr 1775 stellte der aufgeklärte Kaiser Josef II. das riesige Parkareal der Bevölkerung zur Verfügung. Josefs Widmung „Allen Menschen gewidmeter Erlustigungsort von ihrem Schätzer“ ist heute noch über dem prachtvollen Eingangstor zu lesen.
Doch jetzt ist dieses Gesamtkunstwerk bedroht. Ausgerechnet durch einen Verein, der sich den Erhalt österreichischer Kultur und Tradition auf die Fahnen geschrieben hat: die Wiener Sängerknaben.
Denn just an der wichtigsten Ecke des Parks, die durch die neue U2 Station Taborstraße logischer Zugangsbereich zum Augarten wäre, wollen die Sängerknaben einen riesigen Klotz – eine Konzerthalle – in den wunderbaren Garten mit seiner Ulme, den Hollerbüschen und den vielen Wildtieren, hineinbauen. Mangel an Empathie und Rücksicht durch die Bauwerber ziehen sich leider wie ein roter Faden durch die Genesis der Planung. Warum wir der Meinung sind, dass das Bauvorhaben für den Standort Augarten problematisch ist und warum die bisherige Vorgangsweise von Bauwerber und Politik sehr bedenklich sind, finden Sie im Appendix (nachstehend).
Der Augartenspitz ist überall!
Durch unsaubere Vorgehensweisen von Politikern und Behörden gewinnt der Augartenspitz exemplarischen Charakter. Nicht nur prominente Baumpaten wie Barbara Albert, Robert Menasse, Erhard Busek oder Barbara van Melle (u.a.) und Unterschriften von mehr als 10.000 Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch die große mediale Aufmerksamkeit und Baugegner aus aller Welt (vor allem Touristinnen und Touristen!) belegen, dass hier kein lokales Phänomen, sondern ein allgemeingültiges Problem vorliegt. Es geht darum, einen Beispielfall für den Vorrang von Partikularinteressen vor Gesetzen und BürgerInneninteressen zu verhindern. „Der größte Feind des Rechts ist das Vorrecht.“ (Marie v. Ebner-Eschenbach)
Was wir uns von Ihnen erhoffen
Im Zuge des unverhältnismäßigen WEGA-Polizei-Einsatzes meinten Sie, dass man so einen Konflikt ausreden müsse. Das meinen wir auch! Da wir über Ihr Büro bisher keinen Termin mit Ihnen erhalten haben, bitten die Augarteninitiativen auf diesem Weg um einen Gesprächstermin für einen „Runden Tisch“, gemeinsam mit den Wiener Sängerknaben. Am besten vor Ort am Augartenspitz. Um mit Ihnen bei einem Lokalaugenschein die Perspektive der Kritiker des Projekts zu erörtern, Ihnen die Schönheit dieses „Alt-Wiener Ortes“ vermitteln zu können und um Ihre Argumente kennen zu lernen.

Letzte Briefseite
Im Jahr 1999 waren es schließlich auch Sie, der den Konflikt um die Planung der Hakoah- Sportanlagen im Augarten durch die weise Entscheidung, einen Alternativstandort anzubieten, zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen konnte. Wir hoffen darauf, dass Sie auch diesmal einen Ausweg aus der Sackgasse weisen werden!
Mit freundlichen Grüssen,
Die Augarteninitiativen Josefinisches Erlustigungskomitee und Verein Freunde des Augarten
PS: Eine Ihrer Magistratsabteilungen wirbt mit einem Wettbewerb für die schönsten Grünoasen Wiens – wir hoffen, uns in den nächsten Jahren noch dafür bewerben zu können: mit dem Augartenspitz!

Appendix
Warum wir der Meinung sind, dass das Bauvorhaben für den Standort Augarten problematisch ist

1. Regionalpolitisch: Es gibt drei gültige Bezirksbeschlüsse (der Leopoldstadt und der Brigitttenau) gegen eine weitere Verbauung des Augartens,
2. Falsches Signal für weitere Projekte: Das „Anknabbern“ des Parks öffnet Tür und Tor für weitere Bauwerke im Park. Wertvolle öffentliche Grünfläche gingen wiederum unwiederbringlich verloren.
3. Verschließung statt Öffnung des Parks: Statt eines öffentlichen Zugangs würde ein möglicher Eingang abgesperrt. Eigentümer-Vertreter des Augartens ist das Wirtschaftsministerium. Die Wiener Sängerknaben hätten schon längst die versprochene Öffnung zulassen können. Sie taten aber schon bisher das Gegenteil, beanspruchten, weit über ihren Mietgegenstand hinaus, Parkbesucher fernzuhalten. Angesichts der zunehmenden Expansionswünsche des Vereines WSK dürfte es bei dieser Haltung bleiben.
4. Parkschutzgesetz: Das Bauvorhaben ist für ein Parkschutzgebiet überdimensioniert. Dachs, Waldohreule und Spechte müssten den Baggern für immer weichen.
5. Denkmalschutzgesetz: Dem Denkmalschutz wurde nur vordergründig Genüge getan – tatsächlich hätten die Bauwerber nachweisen müssen, dass es keine alternativen Standorte gegeben habe – was allerdings nicht zutrifft: Es gibt mehrere gangbare Varianten, die sowohl attraktiv als auch in zumutbarer Nähe sind! Die Beweispflicht für die Behauptung, alternative Standorte stünden nicht zur Verfügung, trifft den Verein WSK!
Das Denkmalamt hat nicht überprüft, sondern hat, ohne zu prüfen, die Behauptungen übernommen und zur Grundlage seiner Entscheidung gemacht!
Warum die bisherige Vorgangsweise von Bauwerber und Politik sehr bedenklich sind:
Nicht nur das Bauvorhaben selbst ist städteplanerisch unsinnig. Auch die bisherige Vorgangsweise des Vereins Wiener Sängerknaben, ihres Sponsors Peter Pühringer sowie einiger Politiker und Behörden ist mehr als bedenklich.
1. Vorspiegelung falscher Tatsachen: Seit Anbeginn behaupten die Bauwerber, dass „…inzwischen alle Baubewilligungen erteilt wurden…“[1] – was teilweise schlichtweg unwahr ist (z.B. Genehmigung zum Abriss des Portiersgebäudes oder die Genehmigung für die Probebohrungen, beides war zum Zeitpunkt der Behauptung nicht gegeben, ersteres widersprach sogar dem Denkmalschutzgesetz!) – offensichtlich wurden sowohl vom Bund (Wirtschaftsministerium, vertreten durch die Burghauptmannschaft) wie auch von der Gemeinde Wien informelle Zusagen gemacht, bevor ordentliche Verfahren eingeleitet wurden, bzw. bevor das Resultat dieser Verfahren vorlag.
2. Undemokratische Vorgangsweise: Öffentlicher Raum wird ohne Diskussion mit den „Parkbesitzern“ (der Wiener Bevölkerung) und gegen deren erklärten Willen (über 10.000 Unterschriften gegen weitere Verbauungen!!) den Partikularinteressen eines privaten Vereins geopfert. Der zur Konfliktlösung um 150.000 Euro einberufene so genannte „Leitbildprozess Augarten“ entwickelte sich zur Farce – so blieb von Anfang an der geplante Bau der Konzerthalle als Thema für die – unter Bürgerbeteiligung stattfindende ExpertInnenrunde – ausgeklammert und der Konflikt somit prolongiert. Das Wirtschaftsministerium vermietet – wie ein präaufgeklärter Herrscher es tun würde – den Augartenspitz noch während des „Entscheidungsprozesses“ – an die Wiener Sängerknaben.
3. Ungebührliche Bevorzugung des Vereins der Wiener Sängerknaben auf Kosten von uns SteuerzahlerInnen: die Miete für 1.000 Quadratmeter zentrumsnahen Grund beträgt 10.000 Euro – soviel kostet im 2. Bezirk eine schöne 100 Quadratmeter Wohnung…
4. Ungenügende Kontrolle durch die Behörden: Die (noch dazu nicht genehmigten) Probebohrungen vor Ort sind – entgegen anders lautender Behauptungen durch die MA 45 – sehr wohl über die Grundwassergrenze von 5m Tiefe hinausgegangen. Dafür gibt es Beweise.
5. Unverhältnismäßiger Polizeieinsatz: Obwohl besagte Bohrungsgenehmigung noch nicht vorlag, wurde der künstlerisch und durch Zelte besetzte Augartenspitz mit einem unverhältnismäßigen Einsatz der „Anti-Terroreinheit“ WEGA (ca. 100 Einsatzkräfte bei ca. 13 „BesetzerInnen“) auf Befehl der Polizeidirektion Wien und auf Verlangen der Burghauptmannschaft bzw. auf Geheiß der Wiener Sängerknaben geräumt – wobei sich beide in den Medien auf den jeweils anderen beriefen, den Einsatzbefehl gefordert zu haben.
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[1] Z.B. Walter Nettig im Jahresbericht der Wr. Sängerknaben 2008/09